links und digital

links und digital

Posted in identität by Digitaler Linker on 20. Juni 2009

“Und allmählich steht die Jungfrau da, tatsächlich, die Freiheitsjohanna, ein bißchen herb vielleicht, ein bißchen eisern, ein wenig modern und einseitig, aber bestimmt errötend. Und dann sagt sie auch noch, daß sie jetzt heiraten will, Praxis machen, Kinder und Revolution. Und das hat Eduard Reifferscheid wirklich finanziert.”

Frank Benseler, Eduard Reifferscheid zum 70., in: Die Zeit 16.05.1969

[loseblattlyrik oder mit dem para-taxi durchs leben. zwo. drei. vier:]

ich bin ein 68er. geburtsjahrgang. im prinzip zumindest. d.h. ich bin links. und digital.

die elterliche familiengründung erwachsen aus dem sozialliberalen wohlstandsklima der 70er. das junge familieneinkommen genährt aus dem wachstumskurs des die diskurshegemonie organisierenden verlages. mit demokratischem autorenstatut und mitarbeiterbeteiligung. aufgewachsen zwischen den buchdeckeln, die den strukturwandel der öffentlichkeit zum programm erhoben. und einen kleinen babyboom zeugten. aufstieg aus arbeiter- und bauernmilieu. tanten und onkels freie künstler. der verleger bald unser nachbar. der verlagsleiter des vorwärts drei häuser weiter. das auto ein SAAB. die zeit war links und liberal.

die eltern stammwähler. die rebellion dagegen alternativlos: ein wild aufflackerndes giftgrün. fanatisch und irrational. für drei trotzige jahre. das frühreife ende mit 16. aktiver sozialdemokrat ab hier. eintritt ins glied. marschbefehl durch die institutionen: ‘oskar for president’ (utopisch, da noch). 5 freunde folgten. 1 blieb nach erstkontakt. ich. die sprache im hinterzimmer der verrauchten eckkneipe in eiche rustikal verstand: keiner. kulturschock am stadtrand.

mandatsträger binnen kürze und für länger. die milieus stets säuberlich getrennt. überschneidungsfrei, mit leerer schnittmenge: freunde und genossen. die lokale öffentlichkeit – mein medium. die lehrerschaft – meine treuesten leser am morgen. die regierungspartei – mein dauergegner.

die vergangenheit nicht vergangen. in bitburg: Kohl, Reagan und freigestellte mitglieder der jungen union als claqueure. schüler. meiner schule. DIE ZEIT war links und liberal. Jürgen Habermas beginn und zentrum meines denkens von hier an. Dan Diner das antidot gegen die frankfurter orthodoxie. lektüren ersetzen lehrer.

Hasselbach ein raketenstandort. grossdemo 14 tage nach bitburg. ebenfalls freistellung beantragt. durch ministeriellen erlass untersagt. die sozialdemokratische lehrerschaft innerlich empört über christkonservativen rektor, der namen dennoch abwesender auf geheiss des staatssekretärs götte an das ministerium weiterleiten will. widerstand auf sozialdemokratisch: man lässt es raunend zu mir durchsickern und rät, mich einfach krank zu melden. man wolle dies dann akzeptieren. ich lehne ab. und bin abwesend. aufrecht und lautstark. in Hasselbach. sehe den rektor ab da öfters. vor gericht.

der ladenschluss – festgelegt. die liberalisierung provoziert den widerstand der beschäftigten. vorstandssitzung mit verkäuferinnen. pressemeldung als solidaritätsadresse. pausengespräche mit verkäuferinnen über zeitsouveränität und pluralität der lebensstile. ich verteidige sie solidarisch, aber ich verstehe sie nicht.

zivildienst. doppelt so lang. 2 Jahre. individuelle schwerstbehindertenbetreuung am wohnort willy brandts. letzte begegnung: nelson mandela frei und im ollenhauerhaus. mit bebender stimme, wie ein kleiner junge vor dem idol, dankt er „my good friend dr. willy brandt“. Brandt schweigend daneben, mit schmerzverzerrtem gesicht, kaum fähig zu stehen, wankend. jubel und entsetzen. wortlose rückfahrt.

das asylrecht, eine konstitutive perle der ersten gelungenen demokratie auf deutschem boden. die sozialdemokratische partei deutschlands nach dem tod ihres ehrenvorsitzenden, des exilanten Willy Brandt ein williger und opportunistischer erfüllungsgehilfe bei dessen demontage. „Deutschland erwacht.“, vierspurig (frühstücksfernsehnfalle). die bundestagsblockade mein austritt aus dem glied. verpisst euch! 32 genossen mit mir. auch DER autor des verlages. schuhkarton mit parteibüchern durch die tür des verrammelten ollenhauerhauses geworfen. dann scharping eins in die fresse hauen gehen. 8000 grenzschützer, 32 km Natodraht dazwischen. 17 blaue flecken danach. wut.

die enkelgeneration widert mich an. opportunistisch, gesinnungslos und karrieregeil. proletarische rede als clownsnummer. tumbe sozialaufsteiger ohne eigene verdienste. egomanen ohne gemeinsinn. machtversessene ohne politisches reflexionsvermögen. eier ohne hirn. kinderficker.

mein körper trotzt der macht. ich werde poststrukturalist im herzen und bleibe diskursethiker aus vernunft. Dan Diner wird mein lehrer. Norbert Bolz eine episode.

die zeiten sind liberal. auch links. der weg zur sonne und zur freiheit erreichbar nur noch über die datenautobahn. oder per low-cost-carrier. mein ortsverein ist das globale dorf. mein parteibuch ist ein weblog. zwischen afterwork-parties und geschäftsmodellen suche ich den weg zurück in das politische engagement und kann ihn nicht mehr finden. mein doktorvater ist ein liberaler. thema: netzwerke und genossenschaften. dann ist er tot. der verfasser des blair-schröder-papiers finanziert mein einkömmliches gehalt als consultant. seine schwester schreibt meinen arbeitsvertrag. meine verachtung schlucke ich herunter. Anthony Giddens kommt zum tee.

Ralf Dahrendorf stirbt. Jürgen Habermas wird 80. DIE ZEIT ist ein tittenblatt.

Ich bin links und digital.

3 Antworten

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  1. martinlindner said, on 13. Juli 2009 at 16:52

    in diesen digitalen ortsverein möchte ich gern eintreten. wunderbarer text. und bitte noch ein paar blognotizen zum blair-schröder-papier.

    • Digitaler Linker said, on 14. Juli 2009 at 22:37

      sind schon in arbeit…

  2. Digitaler Linker said, on 20. März 2010 at 14:59

    “Und allmählich steht die Jungfrau da, tatsächlich, die Freiheitsjohanna, ein bißchen herb vielleicht, ein bißchen eisern, ein wenig modern und einseitig, aber bestimmt errötend. Und dann sagt sie auch noch, daß sie jetzt heiraten will, Praxis machen, Kinder und Revolution. Und das hat Eduard Reifferscheid wirklich finanziert.”

    Frank Benseler, Eduard Reifferscheid zum 70., in: Die Zeit 16.05.1969


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